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1984

Überschrift
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Seit Anfang des Jahres konstituiert sich die größte unabhängige Umweltbewegung der Ostblock-Staaten. Ausgangspunkt ist die Diskussion um das „Staustufenprojekt Gabčikovo-Nagymaros“. Danach soll zwischen dem slowakischen Ort Gabčikovo und dem ungarischen Nagymaros am Donauknie ein 200 Kilometer umfassendes Staustufensystem entstehen. Bereits 1977 wurde das Vorhaben durch die Unterzeichnung des ungarisch-tschechoslowakischen „Staatsvertrags zur gemeinsamen Nutzung der Donau-Energie“ besiegelt. Es müssen dafür verschiedene Stauseen entstehen und ein Teil des Donauhauptarms verlegt werden.

Quelle: Neues Deutschland, 15./16.3.1986

Quelle: Open Society Archive Budapest / Urbán Tamás
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Seit 1983 verschleppt die ungarische Seite das Projekt aus finanziellen Gründen. Im Frühjahr 1984 bekräftigen ungarische Umweltschützer durch eine Unterschriftenaktion die ökologischen Bedenken gegen dieses Mammutprojekt. Aus dem Protest entsteht der „Unabhängige Donau-Kreis“ (Független Duna Kör), der einen starken Rückhalt in der Bevölkerung hat. Trotz der beschränkten Kommunikationsmöglichkeiten in einer „Volksdemokratie“ beteiligen sich bis November des Jahres ca. 10.000 Ungarn an der Unterschriftenaktion.

Alternativer NobelpreisIn Vorträgen und Publikationen im Selbstverlag sorgt der „Donau-Kreis“ für eine zweite Öffentlichkeit. Die Bewegung wird für ihr Engagement 1985 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.
Die Aktionen der organisierten Umweltbewegung bilden den Ausgangspunkt für die gesellschaftlichen Veränderungen Ende der 1980er Jahre.

Die Zeitschrift - A Hirmondo - (Der Nachrichtenbote) ist eine der meistgelesenen Untergrundperiodika. | Quelle: Open Society Archive Budapest

Einen Dämpfer erhält die Bewegung 1986. Das Kraftwerk von Nagymaros soll von einem österreichischen Bankenkonsortium finanziert werden und Ungarn zahlt die 570 Mio. D-Mark 20 Jahre lang mit Strom zurück.

Unter dem Einfluss der sowjetischen Reformbestrebungen und der Ablösung der Kádár-Führung im Mai 1988 lebt der Protest neu auf. Das Erscheinen auch kritischer Berichte in der Presse ist nun möglich und Demonstrationen werden staatlich toleriert.

 

Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution
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Neue Organisationen, die sich mit dem Donau-Projekt befassen, konstituieren sich und schließen sich zu einem Aktionsbündnis zusammen.

Ungarn:Grünes Licht aus dem Politbüro?

PDF Download: Umweltblätter 6/87. Bild: vusta/iStockphoto „Nachhaltige Veränderung der politischen Atmosphäre“
Die Berliner Umweltblätter berichten von der Gründung des „Nationalen Umweltschutzvereins Donau“ als „erste landesweite Organisation unabhängiger Umweltschützer in Osteuropa“. (Quelle: ABL)

 

Durch die Kraftprobe zwischen der Opposition und der Regierung wird das Staustufen-Projekt vom ökologischen Problem zum politischen Diskurs. Der Druck auf die Regierung erhöht sich durch eine neuerliche Unterschriftensammlung für eine Volksabstimmung. Im März 1989 werden dem ungarischen Parlament 140.000 Stimmen vorgelegt. Noch bevor es zu einer Entscheidung kommt, verkündete Ministerpräsident Miklos Németh die Einstellung der Bauarbeiten.

Miklos Németh | Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian RevolutionDas Kraftwerksprojekt ist ein "Zeichen eines überholten Modells". Die Entscheidung, den Bau gegen alle ökologische Vernunft durchzuziehen, nennt Nemeth "antidemokratisch".

Die einseitige Kündigung der Verträge von 1977 führt zu einem offenen Konflikt, der 1993 vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag landet. Eine Einigung zwischen Ungarn und nun der Slowakei ist bis in die Gegenwart nicht zustande gekommen.

 

Donauknie, Nagymaros (r.), Herbst 2011
Donauknie, Nagymaros (r.), Herbst 2011Quelle: ABL
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