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Sonne garantiert – Die „Riviera“ der DDR

Reiseführer von Nessebar (Schwarzes Meer) 1961 | Quelle: privatIn Bulgarien gewinnt der Fremdenverkehr als Wirtschaftsfaktor seit Beginn der 1960er Jahre zunehmend an Bedeutung. Beträgt die Zahl ausländischer Touristen 1960 noch 150.000, kommen 1967 bereits 1,6 Millionen nach Bulgarien – eine Verzehnfachung innerhalb von nur sieben Jahren. 43 Prozent von ihnen stammen aus dem westlichen Ausland und bringen die begehrten Devisen mit. Zwischen 1962 und 1966 kommen so 127 Millionen Dollar ins Land. Sind bis 1963 noch jegliche Kontakte von Bulgaren mit westlichen Ausländern verboten, dürfen sie ab 1964 sogar Privatquartiere vermieten und erhalten staatliche Kredite zum Ausbau des Angebotes an Fremdenzimmern.
Um den Fremdenverkehr zu beleben, gestaltet Bulgarien die Ein- und Ausreisebestimmungen für Ausländer touristenfreundlich.

 

Auch für DDR-Bürger wird Bulgarien zu einem beliebten Reiseziel. Ob Schwarzmeer-Küste, Rila- oder Pirin-Gebirge – nirgendwo im Ostblock wird der Traum vom mediterranen Flair so wirklich wie hier. Dazu kommt die Faszination über unbekannter Kulturen und Religionen, die das „Fernweh“ vorerst stillen können.

Neues Deutschland vom 4.4.1965Ab 1. Mai 1971 benötigt man zur Einreise nach Bulgarien kein Visum mehr. Jedoch braucht man zum Personalausweis die sogenannte „Reiseanlage“ („PM 105“), die man bei der örtlichen Polizeistelle in der DDR beantragen muss.
Bulgarien wird in den 1970er Jahren nach der ČSSR und Polen zum meist bereisten Urlaubsland.
Spürbar ist auch in Bulgarien der materielle „Klassenunterschied“ zwischen Ost und West. Besonders am Schwarzen Meer („Sonnenstrand“) sind DDR-Touristen nur Gäste "zweiter" Klasse.

 

Infografik

 

lostbulgaria, privat

Insbesondere die Anwesenheit westdeutscher Urlauber und damit die Möglichkeit von Ost-West-Kontakten ruft die DDR-Staatssicherheit auf den Plan. Ab 1964 unterhält sie eine Operativgruppe in Bulgarien. Neben Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die als Mitarbeiter des „Reisebüros der DDR“ getarnt sind, werden auch IMs (Informeller Mitarbeiter) als Urlauber in Reisegruppen eingeschleust. Personen, die sich längere Zeit im Ausland aufhalten, wie Gastdozenten, Studenten, Arbeitskräfte werden angeworben.
Für die seit Beginn der 1970er Jahre stetig anwachsende Gruppe der Individualtouristen auf den Zeltplätzen hat man ebenfalls eigenes Überwachungspersonal zur Verfügung.

PDF Download: Protokoll 26.3.1971 Bild: vusta/iStockphotoStaatssicherheit: „Größere Resultate in der Abwehrtätigkeit auf dem Gebiet des Tourismus“
Die Staatssicherheit der DDR und das Innenministerium Bulgariens schließen eine Vereinbarung über den Informationsaustausch hinsichtlich sich in Bulgarien aufhaltender DDR-Touristen, westdeutscher Touristen und Mitarbeitern von Reiseveranstaltern. Gegenstand der Vereinbarung sind auch Postkontrollen und der Einsatz operativer Technik in Hotelzimmern.

 

Beispiele des „Engagements“ der Staatssicherheit in Bulgarien

➢ 1982: Die Stasi beteiligt sich an der Ausrüstung von 3 Grenzübergangstellen mit 5,4 Mio. Mark.
➢ 1985: Für den 3-wöchigen Einsatz eines IM in Bulgarien zahlt die Stasi 2.100 Mark „Spesen“ (Flug, Reiseunterlagen, Urlaubsgeld).
➢ 1986: In einer Ferienanlage baut das MfS 35 gleichschließende Schlösser mit 150 Schlüsseln ein.
➢ MfS-Mitarbeiter sind als Diplomaten akkreditiert und beziehen Räume in der DDR-Botschaft. Sie unterhalten daneben konspirative Wohnungen.
➢ Die Postkontrolle funktioniert auch fernab von Ost-Berlin.

Infografik

Witz

In der Wahrnehmung der Staatssicherheit ist jeder DDR-Tourist ein potentieller Spionageträger oder Flüchtling.