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1979

Überschrift

 

Die soziale und wirtschaftliche Situation der Menschen wird immer katastrophaler, die Arbeitsbedingungen immer schlechter. Proportional dazu steigt die allgegenwärtige Kontrolle durch Partei und Securitate.
Im Januar 1979 gründen 15 Arbeiter des Donau-Hafens in Drobeta Turnu Severin und der Arzt Ionel Cana eine „Freie Gewerkschaft der Arbeiter Rumäniens“ – SLOMR (Sindicatul Liber al Oamenilor Muncii din România).

Visite der Familie Ceauşescu im Donauhafen von Drobeta Turnu Severin, 1976 | Quelle: Fototeca online a comunismului românesc

Gefordert wird ein offener Dialog mit den staatlichen Stellen. Schon bald zählt die Bewegung ca. 2.400 Arbeiter. Unterstützt werden sie u.a. von Paul Goma aus dem französischen Exil.
Die offizielle Gründungserklärung wird am 4. März 1979 über Radio Free Europa veröffentlicht. Verhaftungen, systematische Schikane, Einweisungen in psychiatrische Anstalten folgen.
Im April protestieren SLOMR-Mitglieder in einem offenen Brief an Ceauşescu. Doch bereits im Juni 1979 wird die Gewerkschaft durch die gleichzeitige Verhaftung hunderter Mitglieder zerschlagen.

Im Gegensatz dazu zeichnet die Propaganda permanent das Bild der „Industrienation Rumänien“.

 

Industrienation Rumänien
Industrienation RumänienQuelle: Fototeca online a comunismului românesc
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Die verdrehte Logik einer Diktatur.

Lügen haben kurze Beine … und lange Ohren

Im März 1979 besucht Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing Rumänien. Während dieses Besuches unterläuft der Parteipropaganda ein „Lapsus“, der Ceauşescu der Lächerlichkeit preisgibt.

Bei der offiziellen Begrüßung nimmt Ceauşescu seine Mütze ab, während der körperlich größere Giscard d'Estaing seinen Hut auf hat. „Undenkbar!“
Bei der offiziellen Begrüßung nimmt Ceauşescu seine Mütze ab, während der körperlich größere Giscard d'Estaing seinen Hut auf hat. Zur Redaktionssitzung der wichtigsten Parteizeitung „Scînteia“ entscheidet der zuständige Redakteur, dass dieses Bild untragbar ist. Der „geniale Führer“ wirke neben dem Franzosen wie ein Bettler. Politisch interpretiert, ziehe der rumänische Sozialismus vor dem Kapitalismus den Hut.

„Schnellstmöglich!“
Der Besuch soll aber auf den Titelseiten positiv dargestellt werden. Der unter Zeitdruck stehende Partei-Redakteur fordert im vorauseilenden Gehorsam, das Problem zu beheben und die Ehre des „conducător“(Führer), wie sich Ceauşescu mittlerweile betiteln lässt, wiederherzustellen.

Fotolaboranten montieren Ceauşescu kurzerhand eine Mütze auf „Peinlich!“
Die Fotolaboranten montieren Ceauşescu kurzerhand eine Mütze auf den Kopf. Das Gleichgewicht scheint wieder hergestellt. Die Zeitungen werden gedruckt. Doch nach der Auslieferung wird zufällig festgestellt, dass Ceauşescu die echte Mütze noch immer in der Hand hält. Bei der Montage wurde vergessen, sie weg zu retuschieren.

 

Um die Blamage doch noch abzuwenden, wird die Polizei beauftragt, die bereits ausgelieferten Zeitungen zu beschlagnahmen. Was mit dem Redakteur geschah, ist nicht überliefert.

 

1977

Überschrift

 

Roman - Ostinato - von Paul Goma Die Rumänische Zensur verweigert 1971 die Veröffentlichung des Romans „Ostinato“ von Paul Goma (Jg. 1935). Daraufhin erscheint das Buch in Westdeutschland und Paul Goma wird eines der Hauptobjekte des Geheimdienstes. Spätestens mit seiner Solidaritätserklärung für die „Charta 77“ in der ČSSR wird er zum Dissidenten.
Goma appellierte außerdem in einem offenen Brief an die Teilnehmer-Staaten der KSZE-Nachfolgekonferenz von Oktober 1977 bis März 1978 in Belgrad und forderte die Einhaltung der Menschenrechte in Rumänien ein. Den Brief unterschreiben 200 Personen. Die meisten von ihnen wollen dadurch ihren „Rauswurf“ aus Rumänien provozieren.

 

PDF Download: Herrn Ceauşescu, königlicher Palast Bukarest. Bild: subjug/iStockphotoPaul Goma: „Nur zwei Personen fürchten die Sicherheitspolizei nicht: Ihre werte Person und ich.“
Im Februar 1977 fordert Goma Ceauşescu in einem Brief auf, sich mit dem Anliegen der „Charta 77“ zu identifizieren. Der Präsident habe mit seiner Haltung von 1968 große Hoffnungen geweckt und solle dies nun bestätigen.

Gomas Pamphlete werden auch über Radio Free Europa verbreitet. Doch eine große Resonanz in der Bevölkerung gibt es nicht, denn Rumänien hat zeitgleich mit einer Naturkatastrophe zu kämpfen.
Diese spielt den Machthabern dahingehend in die Hände, dass sie Goma ohne viel Aufmerksamkeit erst verhaften und dann im Herbst 1977 nach Paris abschieben können.

Am 4. März 1977 erschüttert Bukarest das schwerste Erdbeben in der Geschichte Rumäniens. Am Ende sind es über 1.500 Menschen, die ihr Leben verlieren. Mehr als 150.000 Wohnungen werden zerstört, etwa 350.000 müssen saniert werden. Der Wiederaufbau dauert Jahre.

Der Landesvater „kümmert“ sich. | Quelle: Fototeca online a comunismului românesc

Quelle: Roter Morgen, Januar 1978 Im Schiltal im Südwesten des Landes (valea Jiului) kommt es im August zu einem Aufruhr der Bergarbeiter. 35.000 versammeln sich in Lupeni, um gegen ein Gesetz zu protestieren, dass ihre Altersversorgung einschränkt. Sie nehmen die als Verhandlungspartner geschickten Parteifunktionäre als Geiseln.

 

Quelle: Roter Morgen, Januar 1978 Ceauşescu kommt am 3. August nach Lupeni und geht auf viele ihrer Forderungen ein. Mitte August kommt er erneut ins Schiltal und macht neue Versprechungen. Im September besetzt die Armee das Schiltal und die Securitate setzt zahllose Spitzel ein. Vermeintliche Streikführer werden verhaftet. Nach und nach werden 4.000 Familien, etwa 16.000 Personen, aus den Kohlegebieten in entlegene Gegenden deportiert. Die Angst der Menschen „beruhigt“ die Lage im Schiltal.

 

Im November muss Ceauşescu erneut ins Schiltal und er zelebriert mit seiner Frau Volksnähe. Er lässt sich zum „Ehrenbergmann“ ernennen. Grund der Inszenierung: Die Unzufriedenheit der Menschen hat auf Textilfabriken in Brasov und sogar ein Schwermaschinenwerk in Bukarest übergegriffen.

 

Ceauşescu und die Bergleute
Ceauşescu und die BergleuteQuelle: Fototeca online a comunismului românesc
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1974

Überschrift

 

Die zuvor gelockerte Isolation dem Ausland gegenüber wird wieder verschärft. Die Bewegungsfreiheit von Ausländern in Rumänien wird stark eingeschränkt. Rumänische Staatsbürger müssen jeden Kontakt mit Ausländern der Polizei melden und es herrscht ein strenges Verbot für Privatpersonen, Devisen zu besitzen.

Am 29. April 1974 lässt Ceauşescu sich zum Staatspräsidenten ernennen, dessen Dekrete Gesetzeskraft haben. | Quelle: Fototeca online a comunismului românesc

Von weitreichender Bedeutung ist das bereits 1972 beschlossene „Systematisierungsprogramm“, das die Zerstörung kleinerer Dörfer und Ortschaften und die Umsiedlung ihrer Bewohner in „agro-industrielle“ Zentren vorsieht. Jetzt, 1974, wird dieser Plan per Gesetz bestätigt.
Betroffen sind nicht nur Dörfer. Auch in den Städten werden die alten Strukturen zerstört, um sie durch neue sozialistische Wohnviertel zu ersetzen. Von den 13.000 Dörfern Rumäniens sollen 5.000 bis 7.000 verschwinden. Die Zerstörung sozialer Strukturen und die Konzentration der Bevölkerung in Wohnzentren ermöglicht auch eine effektivere Kontrolle für die Securitate.

Das „Systematisierungsprogramm“ rief erst Ende der 1980er Jahre vielfach Proteste im In- und Ausland hervor. | Quelle: Fototeca online a comunismului românesc

 

Quelle: Open Society Archive Budapest
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1975

Überschrift
Zwischenüberschrift

Am 1. August unterzeichnet Rumänien die Schlussakte von Helsinki und verpflichtet sich u.a., die Menschenrechte einzuhalten. Ungeachtet der sich verschärfenden Situation in Rumänien wird Ceauşescu von der westlichen Welt hofiert:

Eheleute Ceauşescu (links und Mitte) mit Bundespräsident Heinemann (rechts), 20. Mai 1971 | Quelle: Fototeca online a comunismului românesc1971 wird während eines Staatsbesuches von Bundespräsident Gustav Heinemann in Rumänien Ceauşescu die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik für ausländische Regierungschefs, die „Sonderstufe des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“, verliehen.

 

Am 8. Dezember 1972 tritt Rumänien dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank bei.Am 8. Dezember 1972 tritt Rumänien dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank bei.

 

Quelle: Fototeca online a comunismului românescIm August 1975 besucht der amerikanische Präsident Gerald Ford Ceauşescu. Die USA nimmt Rumänien in den Kreis derjenigen Länder auf, die mit Sonderkonditionen ihre Waren in die USA exportieren können.

 

Im krassen Gegensatz dazu steht die innenpolitische Autokratie. Im Herbst 1975 wird eine Gruppe junger Literaten, die „Arbeitsgruppe Banat“, von der Staatssicherheit Securitate zerschlagen.
Ähnlich wie in anderen Ostblockstaaten fanden sich im Zuge der „68er-Bewegung“ junge Menschen zusammen, die ihre Wirklichkeit mit anderen Augen sehen als das politische Establishment. 1972 gründete sich in Temeswar die „Aktionsgruppe Banat“.

Sommer 1974, v.l.: William Totok, Werner Kremm, Richard Wagner, Johann Lippelt, Rolf Bossert und Anton Sterbling.

PDF Download: Leseprobe Lyrik-Text. Bild: subjug/iStockphoto Das Credo der Gruppe heißt „Engagement“ - so der gemeinsam erarbeitete Lyrik-Text, der am Anfang jeden Auftritts gelesen wird. Das Gedicht wird von der Zensur gestrichen.

 

Neun junge rumänisch-deutsche Schriftsteller suchen nach kulturellen und politischen Orientierungsmöglichkeiten abseits vorhandener Gegebenheiten. Für sie sind das der heimatliche Traditionalismus der Banater Schwaben und die rumänische Parteiideologie. Die Aktionsgruppe Banat versteht sich als Marxisten - die Securitate sieht in ihnen „deutsche Faschisten“ und verfolgt sie dementsprechend.

 

1971

Überschrift

 

Das Jahr 1971 bedeutet einen tiefen Einschnitt für die rumänische Gesellschaft. Im Schatten des innen- und außenpolitischen Bonus festigt Ceauşescu gnadenlos seine Macht und errichtet eine Familienherrschaft.

 

Elena Ceauşescu (Jg. 1916)

Elena Ceauşescu Seit 1945 mit Nicolae Ceauşescu verheiratet, begleitet Elena Ceauşescu seit 1971 offizielle Ämter und Funktionen. Sie ist Vorsitzende der Kommission für Partei- und Staatskader des Zentralkomitees und kontrolliert damit sämtliche Beförderungen und Umbesetzungen.
Seit 1980 ist sie gar die Stellvertreterin ihres Mannes.


Paradox erscheint ihr Vorsitz der Akademie der Wissenschaften, ohne je studiert zu haben. Ihr Doktor-Titel im Fach Chemie ist ein Plagiat. So wie ihr Mann die „Sonne der Karpaten“ ist, gilt sie offiziell als „Gelehrte von Weltruhm“.
Allen Wissenschaftlern zum Hohn wird Elena Ceauşescu u.a. 1978 Ehrenmitglied des - Royal Institute of Chemistry of Great Britain - | Quelle: Fototeca online a comunismului românescDie Familiendynastie geht so weit, dass Ceauşescus Mutter 1977 durch ein Staatsbegräbnis beigesetzt wird.
Quelle: Fototeca online a comunismului românesc Das erbeutete Vermögen der Eheleute wird 1989 auf 400 Mio. Dollar auf einer Schweizer Bank geschätzt.

 

Von seiner Asienreise im Juni 1971 kommt Ceauşescu mit seiner eigenen „kleinen Kulturrevolution“ zurück.

China: Treffen mit Mao Tse-tung am 3.Juni1971
China: Treffen mit Mao Tse-tung am 3.Juni1971Quelle: Fototeca online a comunismului românesc
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