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1974

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Nicht zuletzt durch den massiven Druck von Seiten der DDR wird Ungarn angehalten, seine wirtschaftlichen Beziehungen im Rahmen des „Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) zu vollziehen. Hintergrund ist neben politisch-ideologischen Aspekten die internationale Energie- und Rohstoffkrise. Alle „Bruderstaaten“ versuchen über Kompensationsgeschäfte innerhalb ihres Wirtschaftsraumes den Weltmarktpreisen zu entgehen. Andererseits ist jeder bemüht, gegen Devisen zu exportieren.

Exportlieferungen aus Ungarn auf der Internationalen Gartenbau Ausstellung (IGA) | Quelle: Bundesarchiv, Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution

Ikarus-Busse gehören zum Export-Programm Ungarns für den RGW. Auf der Leipziger Herbstmesse 1975 werden neue Modelle präsentiert. | Quelle: Bundesarchiv, Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution

 

Es geht abwärtsUngarn verlässt den eingeschlagenen Reformkurs und hebt verschiedene Bestimmungen wieder auf. Der Lebensstandard stagniert. In der Bevölkerung regt sich neue Unzufriedenheit, die nicht wie zuvor mit extensiver staatlicher Subventionspolitik ausgeglichen werden kann.

Begleiterscheinung der Krise ist eine zunehmend wieder repressive Politik. Die in den 1960er Jahren gewährten gesellschaftlichen Freiheiten werden teilweise wieder zurückgenommen.

 

1977

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Die wirtschaftliche Situation entschärft sich nicht wesentlich. Das veranlasst die ungarische Führung ihre Beziehungen zum Westen auszubauen. Am 1. Januar fällt der Visazwang zwischen Österreich und Ungarn. Das gute Verhältnis der beiden Länder bildet die Grundlage für den Ausbau der Kontakte nach Westeuropa.

Ein Witz

Es geht um wirtschaftliche Zusammenarbeit beim ersten Staatsbesuch eines ungarischen Parteichefs in der Bundesrepublik im Juli 1977 (r. Bundeskanzler Helmut Schmidt). | Quelle: Bundesarchiv

Es geht aufwärtsWestliche Unternehmen bekommen in den Folgejahren Zugang zum ungarischen Markt (Levis, Malboro, Coca-Cola). Trotz des stockenden Wachstums herrscht eine zunehmende Wohlstandsatmosphäre. Völlig neue Konsumwünsche können befriedigt werden.

In der Wissenschaft und der Kultur lockern sich ebenfalls wieder die Zügel. Neue Zeitschriften werden zugelassen und sozialkritische Filme veröffentlicht. Einige Künstler und Wissenschaftler können sogar Stipendien aus dem westlichen Ausland annehmen.

Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution

Quelle: ABLSogar auf die öffentliche Solidarität mit den Unterzeichnern der Charta 77 in der ČSSR folgt keine staatliche Repression. Dies ermutigt einige der Unterstützer zu weiterem Handeln. Der ungarische Samisdat blüht auf.

Darin werden nicht nur systemkritische Themen behandelt wie Pressezensur, Wirtschaft, unterdrückte Erinnerung. Man setzt sich auch mit Tabuthemen wie Prostitution und Armut oder der Lage der insgesamt 33.000 ungarischen Gastarbeiter in der DDR auseinander.

Ungarische Gastarbeiter | Quelle: Bundesarchiv

Aus der Eigendynamik der unterschiedlichen Samisdat-Formate entstehen verschiedene politische Gruppen und Organisationen.

 

1987

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Es geht abwärts

Ungarn hat die höchste Pro-Kopf-Verschuldung im gesamten Ostblock. Zwar sind die Schaufenster voll, doch nur noch wenige Ungarn können es sich noch leisten. Das wachsende Staatsdefizit wird mit dem Abbau von Subventionen reduziert. Bei steigenden Preisen müssen viele Ungarn einen zweiten Job annehmen und arbeiten 10 bis 14 Stunden. Weite Teile der Gesellschaft verarmen.

 

Quelle: Open Society Archive Budapest / Urbán Tamás
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Quelle: Open Society Archive Budapest / Urbán Tamás

Ein Ausweg aus der wirtschaftlichen Krise wird in der Gründung von „Joint Venture“ mit West-Firmen gesehen. Diese können in Ungarn billig produzieren und Ungarn kann damit einen Teil des Inlandbedarfs abdecken, ohne zu exportieren und Devisen ausgeben zu müssen.

Logo MC DonaldsSymbol dieser neuen Liaison ist der amerikanische Hamburger-Multi. Im Herbst 1987 eröffnet die erste Filiale in Budapest.

 

Das System „Kádár“ wird von der Wirklichkeit überrollt.

Quelle: Bundesarchiv

Während der Tagung der Warschauer-Pakt-Staaten im Mai 1987 in Ost-Berlin demonstrieren die „alten Männer“ Geschlossenheit. Alle tragen sich in diesem Zusammenhang in das „Goldene Buch“ der Stadt ein.
Dieses Verharren in alten Mustern befördert auch in Ungarn reformkommunistische Strömungen. Kádárs Machtbasis innerhalb der eigenen Partei schwindet immer mehr.

Imre Pozsgay | Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian RevolutionEiner der wichtigsten Widersacher des Systems „Kádár“ ist das ZK-Mitglied Imre Pozsgay. Seiner Meinung kann die wirtschaftliche Krise nur durch politische Reformen behoben werden. Zwei Jahre später wird er zu den wichtigsten Akteuren bei der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ gehören.

 

1984

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Seit Anfang des Jahres konstituiert sich die größte unabhängige Umweltbewegung der Ostblock-Staaten. Ausgangspunkt ist die Diskussion um das „Staustufenprojekt Gabčikovo-Nagymaros“. Danach soll zwischen dem slowakischen Ort Gabčikovo und dem ungarischen Nagymaros am Donauknie ein 200 Kilometer umfassendes Staustufensystem entstehen. Bereits 1977 wurde das Vorhaben durch die Unterzeichnung des ungarisch-tschechoslowakischen „Staatsvertrags zur gemeinsamen Nutzung der Donau-Energie“ besiegelt. Es müssen dafür verschiedene Stauseen entstehen und ein Teil des Donauhauptarms verlegt werden.

Quelle: Neues Deutschland, 15./16.3.1986

Quelle: Open Society Archive Budapest / Urbán Tamás
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Seit 1983 verschleppt die ungarische Seite das Projekt aus finanziellen Gründen. Im Frühjahr 1984 bekräftigen ungarische Umweltschützer durch eine Unterschriftenaktion die ökologischen Bedenken gegen dieses Mammutprojekt. Aus dem Protest entsteht der „Unabhängige Donau-Kreis“ (Független Duna Kör), der einen starken Rückhalt in der Bevölkerung hat. Trotz der beschränkten Kommunikationsmöglichkeiten in einer „Volksdemokratie“ beteiligen sich bis November des Jahres ca. 10.000 Ungarn an der Unterschriftenaktion.

Alternativer NobelpreisIn Vorträgen und Publikationen im Selbstverlag sorgt der „Donau-Kreis“ für eine zweite Öffentlichkeit. Die Bewegung wird für ihr Engagement 1985 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.
Die Aktionen der organisierten Umweltbewegung bilden den Ausgangspunkt für die gesellschaftlichen Veränderungen Ende der 1980er Jahre.

Die Zeitschrift - A Hirmondo - (Der Nachrichtenbote) ist eine der meistgelesenen Untergrundperiodika. | Quelle: Open Society Archive Budapest

Einen Dämpfer erhält die Bewegung 1986. Das Kraftwerk von Nagymaros soll von einem österreichischen Bankenkonsortium finanziert werden und Ungarn zahlt die 570 Mio. D-Mark 20 Jahre lang mit Strom zurück.

Unter dem Einfluss der sowjetischen Reformbestrebungen und der Ablösung der Kádár-Führung im Mai 1988 lebt der Protest neu auf. Das Erscheinen auch kritischer Berichte in der Presse ist nun möglich und Demonstrationen werden staatlich toleriert.

 

Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution
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Neue Organisationen, die sich mit dem Donau-Projekt befassen, konstituieren sich und schließen sich zu einem Aktionsbündnis zusammen.

Ungarn:Grünes Licht aus dem Politbüro?

PDF Download: Umweltblätter 6/87. Bild: vusta/iStockphoto „Nachhaltige Veränderung der politischen Atmosphäre“
Die Berliner Umweltblätter berichten von der Gründung des „Nationalen Umweltschutzvereins Donau“ als „erste landesweite Organisation unabhängiger Umweltschützer in Osteuropa“. (Quelle: ABL)

 

Durch die Kraftprobe zwischen der Opposition und der Regierung wird das Staustufen-Projekt vom ökologischen Problem zum politischen Diskurs. Der Druck auf die Regierung erhöht sich durch eine neuerliche Unterschriftensammlung für eine Volksabstimmung. Im März 1989 werden dem ungarischen Parlament 140.000 Stimmen vorgelegt. Noch bevor es zu einer Entscheidung kommt, verkündete Ministerpräsident Miklos Németh die Einstellung der Bauarbeiten.

Miklos Németh | Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian RevolutionDas Kraftwerksprojekt ist ein "Zeichen eines überholten Modells". Die Entscheidung, den Bau gegen alle ökologische Vernunft durchzuziehen, nennt Nemeth "antidemokratisch".

Die einseitige Kündigung der Verträge von 1977 führt zu einem offenen Konflikt, der 1993 vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag landet. Eine Einigung zwischen Ungarn und nun der Slowakei ist bis in die Gegenwart nicht zustande gekommen.

 

Donauknie, Nagymaros (r.), Herbst 2011
Donauknie, Nagymaros (r.), Herbst 2011Quelle: ABL
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1988

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Anders als in Polen, wo Streiks zu radikalen Veränderungen führen, ist es in Ungarn der gesellschaftliche Diskurs durch die sich verbreitenden Bürgerinitiativen, Vereine und Klubs. Die Entwicklung treibt die Staatspartei in die Enge und der kommunistische Reformflügel kann sich durchsetzen.
Auf dem Parteitag im Mai 1988 kommt es zur „Palastrevolution“. Janos Kádár wird auf das Altenteil geschoben und die Reformer übernehmen die Macht. Neuer Parteichef wird Károly Grósz. Die Sowjetunion signalisiert, gegen den ungarischen Reformkurs nicht zu intervenieren.

Grósz (l.) und Gorbatschow | Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution

Der Reformer Imre Pozsgay wird in das Politbüro gewählt. Er vertritt die radikalsten Forderungen: „Die Wurzeln der Probleme in Ungarn liegen nicht in der Wirtschaft, sondern in der Gesellschaft.“ (Die Zeit 22/1988)

Grafik Liberalisierung durch den Druck der Verhältnisse

Quelle: Umweltblätter 12/1987, ABL

Seit dem 1. Januar 1988 besteht für alle Ungarn Reisefreiheit.

Die ungarische Opposition sieht in den Veränderungen jedoch keine Erneuerung sondern den Zerfall der kommunistischen Gesellschaft.

 

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